Das Dutzend Plus

Ich habs dann tatsächlich fünfzehnmal gesungen, das Lied. Den ersten Teil hatten wir schnell unter Dach und Fach; von sechs Versionen waren vier gut gelungen. Beim zweiten Teil hingegen war jedes Mal etwas dabei, was uns nicht ganz gefiel, und dann schlug meine mehr oder weniger latent mehr oder weniger immer vorhandene Halsentzündung durch. Die drei letzten Phrasen, die drei „Fade-away“-Teile, schaffte ich nicht mehr.

Wir legten eine Pause ein; ich ass etwas, trank Wasser, setzte mich auf einen der Stühle und versuchte, tief und ruhig durchzuatmen. Elio liess frische Luft hinein, Sandra erinnerte mich an gesangstechnische Fertigkeiten, Raphael redete mir aufmunternd zu. Danach versuchten wir es noch einmal.

Es ging um „alles oder nichts“, und obschon es wirklich viel braucht, bis ich in solchen Situationen nervös werde, spürte ich einen gewissen Druck. Nicht von den anderen, auch nicht direkt von mir selbst, sondern eher von der Liebe zu diesem Lied und dem Wissen, dass ich es ungezählte Male richtig gut gesungen hatte; einmal so, dass nicht nur Sandra, sondern auch die nachfolgende Schülerin begeistert gewesen waren.

Klar, ich habe immer dieses Risiko, dass die Halsschmerzen zu stark und das Kratzen im Hals störend werden könnten, aber eigentlich habe ich die Sache mit dem Trotzdemsingenkönnen eben ziemlich gut in den Griff bekommen. Wenn es ausgerechnet bei der Aufnahme nicht geklappt hätte, wäre ich schon enttäuscht gewesen.

Es ging also um „alles oder nichts“; wir wollten das Lied aus einem Guss haben. Also nochmals von vorne. Die „i“ dürfen niemals wie ein gesprochenes „i“ gesungen werden – das würde schrecklich tönen -, sondern eher einem „ü“ gleich: „Bise“, „knees“, „trees“, „leaves“, „river“, „winter“. Aber das habe ich längst intus.

Sandra sass neben mir, liess mich beim ersten Teil in Ruhe und bot beim zweiten Teil Unterstützung. Sie machte alle möglichen Zeichen für „Kiefer runter, Hals auf, auf, auf“, bewegte ihre Hände im Rhythmus und gestikulierte mit ihren Blättern so hingebungsvoll, dass eines zu Boden glitt.

Ich hatte natürlich gespürt, dass ich auf gutem Weg war, dass ich es packen könnte und dass meine Stimme sich so weit erholt hatte. Stimmsitz, „inhalare la voce“ sowie den eigenen Gesang vor allem hinten im Körper spüren, wozu ich – auf die Gefahr hin, Sandra nicht zu sehen – eben meistens die Augen schloss: Alles passte. Als das Blatt zu Boden segelte, musste ich beinahe lachen. Das wäre verheerend gewesen: ein Bruchteil einer Sekunde, wo ich nicht selber steuern konnte, was passieren würde: lachen oder nicht – und keine Chance, darauf Einfluss zu nehmen.

Es passierte nicht, ich sang weiter, erreichte die Höhen problemlos, Kiefer unten, Hals offen, Text im Hinter- und Musik im Vordergrund (was bei solchen Passagen wichtig ist), sang den ersten „Fade“-Part, den zweiten, den dritten und liess das Piano verklingen. Dann nahm ich die Kopfhörer ab, Elio und Raphael klatschten, Sandra und ich fielen uns in die Arme. Die Erleichterung war gross.

Sandra konnte „guten Gewissens“ gehen, Raphael verabschiedete sich ebenfalls, Elio und ich blieben noch im Studio, hörten uns die Aufnahmen an und überlegten uns, wie wir die Ton- mit den Bildaufnahmen und Einzelbildern zusammenbringen sollen. Plötzlich meinte er: „Ich hab noch drei vorbereitete Spuren, willst du die noch brauchen?“ Ich willigte ein und sang das Lied also noch dreimal. Nach sechseinhalb Stunden intensiver Arbeit verliess ich das Studio: erschöpft, erfüllt und motiviert, so bald wie möglich ein neues Lied einzustudieren und aufzunehmen.

Eigentlich hätte ich am Montag meinen ersten Vlog-Beitrag veröffentlichen wollen. Aber da die Halsentzündung auf die Bronchien übergegangen und vor allem beim Schlucken sehr schmerzhaft geworden ist, habe ich den Start verschieben und dringend – ich konnte kaum reden, kaum schlucken und nicht mehr richtig atmen – eine Ärztin in Bülach aufsuchen müssen, was sich im Nachhinein als Segen erwies:

Erstens brauche ich sowieso eine weitere Fachperson eben auch in dem Bereich, und zweitens haben mir ihre klaren Worte zu meinem komplexen Krankheitsbild, zu Arbeitgebern, die offenbar nicht anders können, als noch mehr gesundheitlichen Schaden anzurichten, sowie zur Qualität der „Arbeit“ von Vertrauensärzten gutgetan.

Und erst recht gutgetan hat mir die Ermutigung, meine Fähigkeiten einzusetzen, um auf meine Geschichte, die Geschichten anderer betroffener Menschen sowie unser Sozialystem, das zu 90% System und zu 10% sozial ist, aufmerksam zu machen.

Für den Vlog haben wir „www.sabessvlog.ch“ reserviert; bis es so weit ist, dass die Seite funktioniert, werde ich die Beiträge auf Youtube und Vimeo hochladen und sie später in meinen Vlog integrieren. Mal sehen, ob die Statistiken da auch so aufschlussreich sein werden…: nicht, dass sie mich gross interessieren würden; nein, dafür bin ich viel zu unabhängig, und dafür bin ich mir viel zu sehr bewusst, dass ich mit meinen Beiträgen weder die breite Masse bediene noch „everybody‘s darling“ bin. Nee – im Gegenteil: Ich bleibe mir selbst treu und nenne die Dinge beim Namen. Das wird wiederum nicht allen gefallen… und mir vielleicht irgendwann eine zweite Strafanzeige einbringen… (Nur bitte nicht dann, wenn ich im Spital bin oder mich erholen sollte. Danke. (Keine Ironie)).

Amüsieren tun mich Statistiken jedoch ab und an schon… Zum Beispiel wenn die Leserzahlen, kaum schreibe ich etwas von Schadenersatzklagen – so weit scheint es tatsächlich zu kommen und noch zu ein bisschen mehr… – und dem intellektuellen und emotionalen Potential von Intrigantinnen, die sich an gewissen Arbeitsplätzen jedes Privileg erhaschen können/dürfen, gleichzeitig aber andere kontrollieren, als ob sie der Staat oder die Polizei „in persona“ wären, sich vervielfachen.

Interessanterweise habe ich dies ja nicht einmal am Anfang geschrieben, sondern erst im Verlaufe des Beitrages erwähnt… Manchmal denke ich, dass die so eifrig untereinander kommunizierenden Personen sich mal persönlich bei mir hätten melden und fragen können, wie es mir gehe. Ich meine nicht jetzt, schon laaange mal… So viele andere haben dies ja auch getan, konnten dies ja auch und können es immer noch. Na ja, lassen wir das; ich freue mich jetzt auf den Vlog, auf Wort- und Sprachspiele, auf Ernsthaftigkeit, Humor, Ironie… und vieles mehr.

A propos Ernsthaftigkeit: Ich habe (mindestens) ein Dutzend Diagnosen – Haupt- und Nebendiagnosen zusammengezählt -, wie ich mit einem gewissen Schrecken, der jedoch schnell wieder verflog, feststellte, als ich der „neuen“ Ärztin am Montagmorgen meine Unterlagen zeigte. Sie fand das auch ziemlich happig und möchte vor allem dafür sorgen, dass das Ärzteteam enger und besser zusammenarbeitet, was in solch komplexen Fällen unabdingbar sei, wie sie meinte. Sie möchte auch, dass Infusionen kombiniert werden, damit ich nicht ständig gestochen werde.

Theoretisch könnte ich Armvenen wie ein „Junkie“ haben… nach all den vielen, vielen Malen des Einstechens, sei es für Infusionen oder Spritzen, sei es für Blutkontrollen. Sie möchte mir auch helfen, wieder schlafen zu können und doch – noch einmal – um den Klinikaufenthalt herumzukommen. Wir probieren jetzt mal verschiedene Medikamente aus, nachdem ich einige Mittel auf pflanzlicher Basis ausprobiert habe, dies aber – eigentlich logisch in solch schweren Fällen – nichts brachte. Das „erste“ Medikament scheine ich zwar leider nicht zu vertragen; jedenfalls war ich gestern den ganzen Tag zu Hause, entweder auf dem Sofa oder im Bett. Zum Glück gibt es Musik… 🙂

Ich muss ihm aber noch ein paar Chancen geben; am Samstagmorgen habe ich mit der betreffenden Ärztin einen Telefontermin diesbezüglich. Über das Nichtschlafenkönnen seit den Kortisontherapien, zu dem gewisse Leute mit ihrem Verhalten zusätzlich beitragen (böse, böse Schuldzuweisung…; ich kenne sie, die billige Ausrede der tatsächlich Schuldigen (so sehen wir es übrigens alle; wir, die das Dutzend „Plus“ Diagnosen kennen und verstehen…!)), mag ich gar nicht viel reden bzw. schreiben.

Es ist das Schlimmste an allem und hat die weitreichendsten und einschneidendsten Folgen. Überdies mag ich mir nicht anhören, dass dies anderen, evt. sogar vielen auch so gehe. Das ertrage ich nicht. Wer das behauptet, hat sich ganz vieles nicht überlegt bzw. sich nicht informiert. Und so ist es auch mit verschiedenen weiteren Angelegenheiten. Aber ich weiss, dass ich lernen muss, damit umzugehen.

Ich kann Menschen nicht ändern; ich kann „nur“ lernen, damit umzugehen, dass ich immer wieder mit seltsamen (!) und verletztenden Reaktionen konfrontiert sein werde und – vor allem – dass andere Menschen bezüglich Gesundheit/Krankheit in (ganz) anderen Dimensionen leben. Es ist meine Aufgabe, damit zu leben und mir für meine Dimensionen absurde „Klagen“ anhören zu können, ohne dabei das Bedürfnis zu verspüren, schreien zu wollen/müssen…

Keine einfache Aufgabe, aber ich werde sie meistern. Ich bin daran… Und wenn ich so weit bin, werde ich die Ausmasse meines Schlafentzugs und meiner Müdigkeit, meiner Entzündungen und (inneren wie äusseren) Blutungen zu beschreiben versuchen. Ob mir das gelingen wird, steht allerdings in den Sternen…

Das Medikament, das mich gestern flach legte, hat als sehr häufige Nebenwirkung Appetits- und Gewichtszunahme (und ist daher eher unbeliebt). Da dies bei mir jedoch erwünscht wäre und da ich, wenn die autoimmunen Reaktionen auf die Magenschleimhaut übergreifen und ich nicht viel essen kann, den ganzen Tag lang gezuckerten Tee oder Punsch trinke, um wenigstens Energie zuzuführen, dies aber auch nicht DIE Lösung darstellt, entschieden wir uns eben, zuerst dieses Medikament auszuprobieren.

Mal sehen, wie es weitergeht…; hab gestern Abend die Dosis weggelassen, weil ich mich so krank wie bei der Influenza vor einem Jahr fühlte… Ich hoffe sehr, das pendelt sich ein oder ein anderes Medikament wird helfen. Bevor ich nämlich wieder „richtig“ zu unterrichten beginne und gleichzeitig weiterhin schreibe und Letzteres auf jeden Fall ausbaue, muss ich wieder schlafen können. Mehr als zwei oder drei Stunden PRO NACHT… Seit Jahren, die ich bald nicht mehr zählen kann…

Aber wir sind dran, und die Ärztin meinte: „Wir haben da noch einiges im Köcher. Machen Sie sich keine Sorgen.“ Darüber war ich erleichtert…; das Unterrichten, das nun mal sehr früh am Morgen beginnt, hat nämlich grosse Freude bereitet. Ich werde, wie bereits erwähnt, bald einmal näher und ausführlicher darauf eingehen. Wobei: Einiges behalte ich noch für mich bzw. beantworte es in meinem Freundeskreis in persönlichen Nachrichten oder Gesprächen.

Die Zyklame von Felí stand auch beim zweiten Mal auf dem Pult. Ich hatte sie in der Zwischenzeit dort gelassen; meine Bekannte gab ihr ein bisschen Wasser. Jetzt habe ich sie nach Hause genommen und ein Pendant für sie gekauft und neben sie gestellt. Ich wollte nicht, dass sie alleine sei… Ich war ja auch froh, mich beim Unterrichten nicht alleine zu fühlen, sondern durch die Zyklame Felipes Gegenwart zu spüren.

Ich war ebenfalls froh, dass er mich gestern anrief. Dass mein Mann früher nach Hause kam. Dass die Kinder stundenlang miteinander spielten und sich so leidenschaftlich auf ihre Fernsehnacht freuten… 🙂

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